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Ausstellung Mozart

Mozart – auf der Suche nach dem neuen Klang

Ein Beitrag des Musikinstrumenten-Museums des Staatlichen Instituts für Musikforschung PK in Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek zu Berlin PK zum Mozart-Jahr 2006

28. Januar bis 12. März 2006

Staatliches Institut für Musikforschung PK
Musikinstrumenten-Museum
Tiergartenstraße 1
10785 Berlin

Es sollte seine allerletzte Reise nach Deutschland werden, eine Reise, die er angetreten hatte, um den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Leopolds II. in Frankfurt im Oktober 1790 beizuwohnen. Ins Gespräch bringen wollte er sich, suchte er doch ein "gutes Engagement irgend an einem Hofe." Bereits im Jahr zuvor hatte er eine ausgedehnte Reise über Dresden und Leipzig nach Berlin und Potsdam unternommen, um sich nach möglichen Wirkungsfeldern umzuschauen. In Wien war Mozart der finanzielle Erfolg, wohl auch wegen Auswirkungen der französischen Revolution und der Belagerung Wiens, in den vergangenen beiden Jahren versagt geblieben.

Offenbar wird dem Komponisten in Frankfurt aber schon vor der Krönungsfeier klar, dass er hier nicht finden kann, was er sucht. Ein Konzert zu seinen eigenen Gunsten will er noch geben "und dann freytag gleich – tschiri tschitschi – das beste ist zu fliehen. – liebstes Weibchen!" So schreibt er jedenfalls seiner Constanze. Und Mozart will weiter reisen:

"Wenn du mir nur in mein Herz sehen könntest – da kämpft der Wunsch, die sehnsucht dich wieder zu sehen und zu umarmen mit dem Wunsche viel geld nach Hause zu bringen. – da hätt' ich schon oft den Gedanken noch weiter zu reisen – wenn ich mich dann so zwang diesen Entschluss zu fassen, so fiel mir dann wieder ein, wie es mich reuen würde, wenn ich mich so auf ungewis, vieleicht gar fruchtlos so lange von meiner lieben Gattin getrennet hätte …"

Sehr nett verpackt, aber dennoch deutlich erkennbar: Constanzes Zustimmung zu weiteren Reiseplänen ist gewünscht, da muss sie ihrem Gatten nicht gleich ins Herz sehen können. Schon in den Briefen zuvor versichert er der Eifersüchtigen, er wolle in Frankfurt "blos arbeiten, und das will ich Ja meinem Weibchen zu liebe gerne", dass er ganz "retiré" lebe, in seinem "Loch von einer Stube und schreibe". Dennoch bleibt er etwas länger als angekündigt in Frankfurt, um seine Akademie zu geben, die "von Seiten der Ehre herrlich, aber in Betreff des Geldes mager ausgefallen" sei.

Erst eine Woche nach der Krönung reist er weiter nach Mainz, wo er am Hofe des Kurfürsten konzertiert, und begibt sich dann nach Mannheim. Hier wird gerade der "Figaro" in deutscher Sprache einstudiert, und "das ganze Personal beschwor mich noch so lange [bis zur Premiere, d. V."> hier zu bleiben und ihnen bey der Probe beyzustehen".

Ausgesprochen vergnügt kommen Mozarts Briefe aus Mannheim und München, der nächsten Station seiner Reise, daher. Schon mehr als 10 Jahre zuvor hatte Mozart auf seiner Reise nach Paris in Mannheim Station gemacht – und vom Mannheimer Hoforchester reichlich künstlerische Anregungen erhalten: Der präzise geschulte und disziplinierte Klangkörper am Hof des überaus kunstsinnigen Fürsten Karl Theodor offenbarte bisher nicht gehörte Ausdrucksmöglichkeiten etwa in der Gegenüberstellung von solistischen Bläsern und Streicherklängen. Die Fähigkeit des Orchesters, kultivierte dynamische Gegensätze hervorzubringen, schließlich das Crescendo des Orchesters und die berühmte "Mannheimer Rakete" machten es zu einem der besten Klangkörper Europas. Nach der Übersiedlung des Hofes nach München im Jahr 1778 hat Mozart es dort oft und gerne besucht.

"Ich habe – ohngeachtet ich gerne lange bey meinen alten Mannheimer freunden bleiben möchte – nur einen Tag hier bleiben wollen", schreibt er seiner Gattin, "nun muss ich aber bis den 5. oder 6. [November 1790"> bleiben, weil mich der Churfürst wegen des Königs von Neapel zur Accademie gebethen hat." Ja, der arme Mann ist zu bedauern. Doch, Spaß beiseite, diese Akademie war von großer Bedeutung und bot Mozart die Gelegenheit, sowohl dem Kurfürsten gefällig zu sein als auch dem König von Neapel vorstellig zu werden. Etwas sarkastisch schreibt er weiter: "Eine schöne Ehre für den Wiener Hof, daß mich der König in fremden Landen hören muß."

Mit seinen Freunden Cannabich, Ramm, Marchand und Borchard verbringt er einige Tage in München. "Du kannst dir aber nicht vorstellen, wie das Gereiß um mich ist", berichtet er Constanze nach Wien. Und wie er dies "Gereiß" um seine Person nach der trüben Stimmung in Frankfurt genießt, kann man sich gut vorstellen. Hier in München wollte Mozart bleiben, mit diesem Orchester wollte er arbeiten. "in manheim ankommen zu können, würde mir dermalen das liebste gewesen seyn", schrieb er schon als 22jähriger.

Trotz der Schwierigkeiten in Wien um 1790 sind die letzten beiden Lebensjahre Mozarts künstlerisch überaus fruchtbar und finanziell letztlich doch erfolgreich gewesen. Gerne werden diese Jahre als Niedergang des Komponisten beschrieben, als Jahre, in denen erstmals seine Kreativität nachließ, als Zeiten finanzieller Not und gesundheitlicher Probleme.

Dass diese Legende so nicht aufrechterhalten werden kann, vermittelt die Präsentation unter anderem anhand wertvoller Exponate aus dem Besitz der Berliner Staatsbibliothek. Das Autograph des Klavierkonzerts F-Dur KV 459, welches Mozart 1790 anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten aufführte, wird ebenso einzusehen sein wie das Fragment des ungewöhnlich besetzten Quintetts für Klarinette, Bassetthorn, Violine, Viola und Violoncello KV 580b von Mozarts Hand und sein Manuskript der "Zwölf Menuette" KV 585 aus dem Jahr 1789.

Schon 1788 hatte Mozart auf Anregung des Barons van Swieten damit begonnen, Werke von Händel neu zu instrumentieren: "Wer Händel so feyerlich und geschmackvoll kleiden kann, daß er einerseits auch den Modegecken gefällt, und andererseits doch immer in seiner Erhabenheit sich zeiget, der hat seinen Werth gefühlt, der hat ihn verstanden, der ist zu der Quelle seines Ausdruckes gelanget und kann und wird sicher daraus schöpfen", lobt der Baron Mozarts Arbeiten am "Messias". 1790 folgte an Händel-Bearbeitungen unter anderem das "Alexanderfest", welches ebenfalls im Autograph präsentiert werden kann. Ein Höhepunkt für Mozart-Liebhaber ist zweifellos die Handschrift der aus dem gleichen Jahr stammenden Oper "Così fan tutte" KV 588, welche sich zurzeit noch in der Restaurierung befindet. 1791 gelangte Mozart mit dem "Titus" und der "Zauberflöte" zu ganz neuen Klangerfahrungen und Ausdrucksbereichen. Diese kompositorische Aufbruchstimmung lässt sich auch im Klarinettenkonzert KV 622 und in den originellen Werken für die   Glasharmonika erspüren: Ersteres schreibt Mozart für die Bassettklarinette, eine ganz neu entwickelte Klarinette seines Ordens- und Kegelbruders Anton Stadler: ein Werk, welches die Entwicklungsgeschichte dieses Instruments geprägt hat wie kein anderes.

Bei Letzteren gesellten sich zum gläsernen Instrument noch Flöte, Oboe, Viola und Violoncello. Allein diese ungewöhnliche Kombination von Instrumenten erfordert höchste Virtuosität seitens des Glasharmonika-Spielers, der den komplizierten Einschwingmechanismus der Gläser beherrschen muss, um präzise im Ensemble einzusetzen.

In Ermangelung von Autographen zu diesen bemerkenswerten Kompositionen (das Original des Klarinettenkonzerts beispielsweise ist verschollen) zeigt das Musikinstrumenten-Museum beide Instrumente: die einzige heute erhaltene Bassettklarinette und eine Glasharmonika aus der Mozart-Zeit.

"… ich habe mir so fest vorgenommen, gleich das Adagio für den Uhrmacher zu schreiben, dann meinem lieben Weibchen entwelche Ducaten in die Händ zu spielen; that das auch – war aber, weil es mir sehr verhaßte Arbeit ist, so unglücklich, es nicht zu Ende bringen zu können – ich schreibe alle Tage daran – muß aber immer aussetzen, weil es mich ennuirt - und gewis, wenn es nicht einer so wichtigen Ursache willen geschähe, würde ich es sicher ganz bleiben lassen … Ja, wenn es für eine große Uhr wäre und das Ding wie eine Orgel lautete, da würde es mich freuen; so aber besteht das Werk aus lauter kleinen Pfeifchen, welche hoch und mir zu kindisch lauten."

Dass es Mozart gelang, ein ansprechendes Werk für die Flötenuhr zu schaffen, obwohl ihm das Instrument recht unvollkommen vorkam, ist eher ein Hinweis auf seine kompositorische Kreativität als darauf, dass er in einer Schaffenskrise steckte. Eine imposante Flötenuhr von Christian Ernst Kleemeyer aus Berlin mitsamt der Komposition Mozarts gehört zum Bestand des Musikinstrumenten-Museums und wird in der Ausstellung präsentiert. Man kann sich also selbst überzeugen, ob die Pfeifen "zu kindisch lauten".

Für all die hier aufgezählten Werke und auch für die erwähnten Auftritte als Pianist ist Mozart entlohnt worden. Seine drückenden Einkommenssorgen scheinen sich 1791 zu bessern und es mangelt ihm nicht an Aufträgen. Im Oktober 1790 erhält er eine Einladung nach England: zwei Opern soll er für die er die üppige Summe von 300 Pfund Sterling komponieren, weitere Konzerte zu seinen eigenen Gunsten werden ihm ermöglicht. Ein halbes Jahr lang soll diese Reise nach London dauern, von Dezember 1790 bis Juni 1791, doch sie muss verschoben werden. Im August 1791 reist er mit Constanze zu den Krönungsfeierlichkeiten Leopolds II. nach Prag, wo im September "La clemenza di Tito" überaus erfolgreich aufgeführt wird. Im gleichen Monat hat die "Zauberflöte" Premiere im Freihaus-Theater auf der Wieden und Wien liegt ihm schon wieder zu Füßen. Nach kurzer Krankheit stirbt er am 5. Dezember 1791.

Auch wenn wir das gerne möchten, "ins Herz sehen" können wir dem Menschen Mozart nicht. Facetten des Künstlers Mozart eröffnen sich aber in der Betrachtung seiner Autographe und der Instrumente, für die er schrieb. Von Bedeutung sind natürlich auch die Instrumente, welche er selbst spielte und schätzte, wie der Hammerflügel des Augsburger Instrumentenbauers Johann Andreas Stein, den Mozart 1777 bei zwei Akademien in Augsburg spielte und den er in einem Brief an seinen Vater höchstes Lob aussprach. Und im Musikinstrumenten-Museum können wir den Klang des Hammerflügels so hören, wie auch Mozart ihn gehört hat. Auf dieser sinnlichen Ebene findet die größtmögliche Annäherung statt.

In diesem Sinne verstehen sich auch die begleitenden Konzerte. Im Rahmen der schon traditionellen Matinee-Konzerte der Reihe "Alte Musik – live" werden sonntags Werke Mozarts auf historischen Instrumenten zu Gehör gebracht. Donnerstagabends können die Besucher den Klängen des zeitgenössischen Hammerflügels lauschen und erhalten in Gesprächskonzerten und Vorträgen weitere Einblicke in Mozarts Klangwelt.
Heike Fricke


Kuratorin: Heike Fricke